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Im Gegensatz zu dem noch traditionellen Dogma der Medizin ist das Gehirn nicht starr und unabänderlich wie die Platine eines Computers. Es ist ein Organ, das durch seine netzartige Struktur und die Formbarkeit der Verbindungen zwischen seinen Milliarden von Nervenzellen selbstständig lernt und sich selbstständig organisieren und strukturieren kann. Um es etwas flapsig auszudrücken: Das Gehirn ist formbar wie Plastik – daher der Begriff »Plastizität«. Natürlich besteht das Schaltzentrum menschlicher Weisheit nicht aus Plastik, doch ist es ebenfalls sehr flexibel. Das neuronale Netzwerk lässt sich formen und an neue Bedingungen anpassen – natürlich nur innerhalb bestimmter Grenzen (35).

Wäre Ihr Gehirn starr, würde es sich ab dem Säuglingsalter nicht mehr weiterentwickeln, in der Schule oder im Job fände keinerlei Lernprozess statt, und es gäbe weder Kreativität, Flexibilität noch Emotionalität. Es gäbe auch keine wissenschaftlichen Entdeckungen und keine Psychotherapie und auch nicht das geringste Potenzial für eine positive Veränderung nach einem Hirnschaden. Alles Verlorengegangene wäre für immer dahin.

So ist es aber überhaupt nicht. Das Gehirn verfügt über ein enormes Talent, zu lernen und sich Veränderungen anzupassen. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich drastisch von Organen, die Routineaufgaben ausführen, wie etwa dem Herzen, das Blut durch die Adern pumpt, der Lunge, die durch die Atmung den Gasaustausch im Blut ermöglicht, und Magen und Darm, wo die Nahrung verdaut wird. Keines der Körperorgane ist wie unsere grauen Zellen in der Lage, zu lernen und sich an Veränderungen anzupassen. Die Fähigkeit des Gehirns, seine Mikrostruktur ständig zu verändern, sich zu adaptieren, zu lernen, aber auch zu vergessen, macht es so einzigartig. Das Gehirn ist nicht nur das Cheforgan, das unseren ganzen Körper regiert, sondern es ist, wie ein guter Chef, auch ein Meister der Anpassung und Neustrukturierung.

Wenn sich das Gehirn also schon unter normalen Umständen leicht an Veränderungen anpassen kann, wieso sollte das dann nach einem Sehverlust anders sein? Wäre es nicht sehr viel plausibler, wenn das geschädigte visuelle System ebenso anpassungsfähig wäre und genauso viel Plastizität hätte wie der Rest des Gehirns?

In zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln und Fallstudien wird von Patienten mit Sehverlust berichtet, die einen Teil ihrer Sehleistung wiedererlangt haben. Tatsächlich weiß man mittlerweile, dass nach einem akuten Sehverlust in den ersten sechs Wochen bis drei Monaten eine gute Chance auf die teilweise Rückkehr der Sehleistung besteht. In Kapitel 1, »Wenn die Sehkraft schwindet«, haben wir einen solchen Fall bereits kennengelernt: Gary Watson, den mit dem Fahrrad verunglückten Kanadier. Dass ein Teil seiner Sehfunktion sich erholen würde, war zu erwarten – eine gewisse Spontanerholung ist eher die Regel, nicht die Ausnahme. Allerdings erholt sich die Sehfähigkeit nach einer frühen Phase der Spontanerholung in der Regel nicht mehr. Dann gilt der Gesichtsfeld-Defekt als stabil, sprich: unumkehrbar.

Wie schnell es zur Erholung kommt, hängt in erster Linie vom Ausmaß des Schadens ab. Ist er eher gering, kann die Sehkraft bereits innerhalb von achtundvierzig Stunden teilweise zurückkehren. Auch Fälle mit einer späteren Erholung sind dokumentiert. In mindestens einem Fall erholte sich der Patient sogar langsam über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Die folgenden Bilder zeigen das Selbstporträt des deutschen Malers Anton Räderscheidt, der einen Schlaganfall erlitt, der zu visuellem Aufmerksamkeitsverlust führte. Er beobachtete seine Genesung, indem er sich selbst malte, nachdem er in einen Spiegel geschaut hatte. Anfangs hatte er eine unorganisierte Wahrnehmung auf beiden Seiten seines Gesichtsfeldes. Dies erholte sich allmählich wieder zu normalem Sehvermögen mit minimalen Defiziten auf der linken Seite acht Monate später.

Stellen Sie sich ein Krankenhaus mit tausend Angestellten vor, in dem eines Tages 80 Prozent der Mitarbeiter – Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern – nicht zur Arbeit kommen. Die noch verbliebenen 20 Prozent müssen also die gesamte Arbeit tun. Wahrscheinlich sind sie dieser Herausforderung zunächst nicht gewachsen. Mit der Zeit werden die Arbeitsabläufe jedoch neu strukturiert und die Arbeitseinteilung effizienter und Mitarbeiter, die Überstunden leisten, erhalten einen Bonus. Im Endergebnis erreicht das Krankenhaus schließlich wieder eine Leistung von 80 Prozent, die dem früheren Niveau recht nahekommt, auch wenn das Personal für sehr komplizierte und anspruchsvolle Aufgaben nicht ausreicht. Von einer so erstaunlichen Umstrukturierung können wir etwas lernen. Das Gehirn tut nichts anderes – es aktiviert sein Restpotenzial. Die verbliebenen Hirnzellen werden gestärkt und arbeiten effizienter. Das heißt zwar nicht, dass die Funktionen, wenn nur 20 Prozent der Zellen überlebt haben, wieder zum normalen Niveau zurückkehren könnten. Doch einfache, alltägliche Aufgaben können durchgeführt werden – wie etwa das Lesen groß gedruckter Texte oder der Griff nach der Kaffeetasse. Sehr anspruchsvolle oder komplizierte Aufgaben, die womöglich auch noch Schnelligkeit erfordern, wie etwa rasches Lesen oder das Steuern eines Düsenjets bei schlechten Wetterbedingungen, gehen nicht mehr, da 80 Prozent eben keine 100 Prozent sind. Ermöglicht wird die Erholung dadurch, dass das gesamte neuronale Netzwerk einspringt (ähnlich wie bei einem Krankenhaus, das Mitarbeiter aus anderen Kliniken einstellt), um die frühere Funktion zu kompensieren.