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Nach einer Zerstörung des visuellen Systems stellt sich die Frage, ob das Gehirn nicht andere Optionen hat, um den Verlust auszugleichen. Wenn das visuelle System zerstört ist, stehen die Chancen auf Verbesserung zwar schlecht, doch Hirnareale, die für andere Funktionssysteme verantwortlich sind, können bei der Bewältigung vieler alltäglicher Aufgaben helfen. Bei vollkommen blinden Menschen verstärkt sich die Sensibilität der anderen Sinne wie etwa des Gehörs und des Tastsinns auf ein über-normales Niveau.

Das bedeutet: Es gibt Hoffnung. Unser Gehirn ist pfiffiger als gedacht, es hält andere Optionen bereit, es kann sich dynamisch anpassen, indem es die Kapazitäten anderer Funktionen stärkt.

Das Gehirn folgt außerdem dem Motto der Paralympischen Spiele, sich »nicht auf Behinderungen, sondern auf Fähigkeiten« zu konzentrieren (engl.: »abilities, not disabilities«). Nach einem Sehverlust werden andere geistige Fähigkeiten gestärkt. Das Gedächtnis für Namen, Straßenkarten und Bewegungsmuster verbessert sich enorm, Gehör, Tast- und Geruchssinn werden sensibler und effizienter. Das Gehirn sagt sich gewissermaßen: »Wenn es beim Sehen nichts für mich zu tun gibt, werde ich eben anderswo aktiv.«

Das Sehen wird dann durch andere Fähigkeiten »ersetzt«, die Ihnen ein Verständnis der Welt ermöglichen. Natürlich können Sie als Blinder keine Meisterleistungen vollbringen, bei denen visuelle Wahrnehmung benötigt wird. Viele alltägliche Anforderungen lassen sich jedoch auch ohne Sehfähigkeit sehr gut bewerkstelligen. Und als völlig oder annähernd blinder Mensch haben Sie möglicherweise gesteigerte Fähigkeiten, die den Verlust des Sehvermögens ausgleichen.

Ein interessantes Video dazu: https://www.youtube.com/watch?v=Lx_HJuYJXHM

Die sensorische Substitution zeigt, wie clever das Gehirn bei seiner Suche nach Kompensationen des Sehverlusts vorgeht. In den meisten Fällen ist der Sehverlust jedoch nur partiell, und in diesen Fällen hat das Gehirn andere Mittel in petto, um sich dem Ausfall anzupassen. Hier gibt es noch ungelüftete Geheimnisse und vieles, worüber wir bisher noch nichts wissen. Vereinfacht ausgedrückt, halte ich nach meinen Erfahrungen mit der visuellen Restitutionstherapie Neuroplastizität für eine Art »Jungbrunnen«, mit dem sich das Sehvermögen verbessern lässt.

Für Blinde und Sehbehinderte ist Neuroplastizität eine gute Nachricht: »Augenheilkunde mit Köpfchen«.

Wie Sie bald herausfinden werden, können Patienten mit Sehnerv- oder Hirnschäden von der Neuroplastizität enorm profitieren. Mithilfe einer Therapie, die die Sehkraft teilweise wiederherstellt, lassen sich überlebende Strukturen reaktivieren.

Auch Menschen mit altersbedingter Makuladegeneration, bei denen die Schärfe des Zentralsehens beeinträchtigt ist, kann neuronale Plastizität helfen. Mit dem richtigen Training können Patienten mit einer solchen Erkrankung lernen, Objekte besser zu erkennen, die sonst vom blinden Bereich, dem Skotom, verdeckt werden.

Publizierte klinische Studie von Prof. Sabel gibt zu der Hoffnung Anlass, dass sich das Randsehen bei Glaukompatienten durch visuelle Restitution verbessern lässt. In der Zeitschrift Neurology, dem medizinischen Organ der American Academy of Neurology, hat Prof. Sabel außerdem Befunde publiziert, die zeigen, dass das gesamte neuronale Netzwerk des Gehirns moduliert werden kann, um die Sehleistung wiederherzustellen.