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Das Gehirn mit Stromstößen zu behandeln, ist keine neue Idee. Nach der Entdeckung der elektrischen Aktivität des Gehirns im 19. Jahrhundert erlangte die Elektrotherapie eine bedeutende Rolle in der Medizin und wurde bei allerlei Leiden eingesetzt, auch beim Verlust der Sehkraft. Doch Zeiten ändern sich.

»Die Elektrotherapie der Sehnerv-Erkrankungen ist in den letzten Jahrzehnten so gut wie vollständig unbearbeitet geblieben«, schrieb der Breslauer Ophthalmologe Ludwig Mann 1904: »Sowohl die Neurologen, wie die Ophthalmologen, haben in der letzten Zeit vollkommen darauf verzichtet … konsequente Versuche mit elektrischer Behandlung anzustellen. Dieser Standpunkt spiegelt sich sowohl in den ophthalmologischen, wie den neurologischen Lehrbüchern wider. In manchen ist die Elektrotherapie gar nicht erwähnt… Einen ganz anderen Standpunkt sehen wir in der Literatur vor etwa 20-30 Jahren …, in welcher die Elektrotherapie … ein größeres Vertrauen genoss als heutzutage. Damals finden wir, sowohl in den elektrotherapeutischen Lehrbüchern als auch in Einzelpublikationen, die günstigsten Erfolge von der Elektrotherapie (bei Optikusatrophien)… berichtet«.

Die von Dr. Mann erwähnten Bücher und Artikel wurden zwischen 1860 und 1880 veröffentlicht! Elektrotherapie zur Wiederherstellung der Sehkraft ist also im Grunde ein alter Hut, doch das Wissen darüber ist verloren gegangen und wurde erst mehr als hundert Jahre später wiederentdeckt.

Dass die Elektrotherapie, ein innovativer und offensichtlich nützlicher medizinischer Ansatz, zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts so völlig aus der Welt der Medizin verschwand, hat einen reichlich kuriosen Grund. Die britische Schriftstellerin Mary Shelley griff die Idee der Elektrotherapie in ihrem Roman »Frankenstein« (1818) auf. Darin wird das legendäre Monster durch den genialen Arzt Dr. Viktor Frankenstein mithilfe von Elektrotherapie zum Leben erweckt. Die haarsträubende Vorstellung, einen Toten ins Leben zurückzurufen, wurde in zahlreichen Romanen und von der Klatschpresse immer wieder kolportiert und hatte offensichtlich beträchtlichen Unterhaltungswert. Doch der literarische Schauder führte dazu, dass die Elektrotherapie in den Bereich der Scharlatanerie verbannt wurde und in Vergessenheit geriet. Frankensteins Monster lebte, aber die Elektrotherapie war tot.

Heute ist die Elektrostimulation ein schnell wachsendes Forschungsfeld im Bereich der Neurorehabilitation. Im Jahr 2000 veröffentlichten Michael Nitsche und Walter Paulus von der Universität Göttingen eine kleine, aber weithin beachtete bahnbrechende Studie, die das Interesse an dem Thema neu belebte. Die Zahl seriöser Studien auf diesem Feld stieg sprunghaft an, vor allem im Bereich der kognitiven Verbesserung und der motorischen Rehabilitation.

In den 1980er Jahren wurde die Elektrotherapie zur Behandlung der Sehkraft wieder entdeckt. Damals tauchten in Russland und Japan Berichte über einzelne Patienten auf, jedoch ohne wirkliche wissenschaftliche Aussagekraft; hinreichend kontrollierte Studien fehlten. Um das Jahr 2005 herum begann Professor Sabel deshalb, in seinem Labor kontrollierte Studien durchzuführen.