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Es gibt nicht nur gesunde und tote Zellen in einem beschädigten visuellen System, sondern auch viele nicht mehr aktive, unterversorgte Nervenzellen. Sie sind zwar am Leben, werden aber inaktiv, als befänden sie sich im Winterschlaf. Neurone (Zellen) können stillgelegt werden. Sei es weil sie entweder auf molekularer Ebene geschädigt sind, durch toxische Stoffe gehemmt wurden, oder aufgrund eines Sauerstoff- oder Glukosemangels.

Inaktive Zellen und die Ursache

Zellen brauen ausreichend Energie d.h. Sauerstoff und Glukose um elektrische Signale vom Auge zum Gehirn (oder innerhalb des Gehirns) feuern zu können. Aber wenn Blutgefäße aufgrund einer „Dysregulation des Gefäßsystems“ nicht wie erwartet auf dieses Signal reagieren können, bleiben die Neurone, wie ein Auto ohne Benzin, stumm. Pionier des Forschungsbereich der „Dysregulation des Gefäßsystems“ war Prof. Flammer aus Basel in der Schweiz. Die mangelhafte Blutversorgung kann bei einer „Dysregulation des Gefäßsystems“ mehrere Ursachen haben, die einzeln oder auch gemeinsam auftreten können:

  • Erhöhter Augeninnndruck (IOP) kann Kapillaren teilweise oder ganz abschnüren
  • Die Durchblutung ist im allgemeinen vermindert, z.B. durch einen erniedrigten Blutdruck
  • Blutgefäße im Auge oder im Gehirn können sich durch akute Stresssituationen zusammenziehen oder werden durch ein Blutgerinnsel verstopft
  • Der Unterschied zwischen arteriellem Blutfluss zum Auge und zum Gehirn und dem venösen Abfluss des Blutes ist zu gering
  • Der Sauerstoffgehalt des Blutes ist zu niedrig (z.B. bei Rauchern oder Bergsteigern ab einer Höhe von 2000m über dem Meeresspiegel)

Andere Ursachen können ein ungesunder Lebensstil (z.B. Rauchen, Alkoholkonsum, Fettleibigkeit, unausgewogene Ernährung) oder eine unkoordinierte Kontrolle der Gefäßwände durch das Nervensystem sein, sodass die Sauerstoffversorgung nicht mit dem Bedarf der Nervenzellaktivität in der Retina oder dem Gehirn übereinstimmt.

Es ist möglich diese „stummen Neurone“ zu reaktivieren. Die entscheidende Frage ist: Wie viele Zellen sind schon tot und wie viele sind noch am Leben aber „funktionell inaktiv“? Wenn alle Zellen tot sind, gibt es natürlich keine Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Sehvermögens. Aber solange inaktive Zellen existieren, sollten wir unser Bestes tun diese zu reaktivieren.

Reaktivierung der inaktiven Zellen

Es gibt viele direkte und indirekte Prozesse und Funktionen innerhalb des Gehirns, die für ein normal funktionierendes Sehen nötig sind. Diese können zu Hilfe gezogen werden, um die schlafenden Neurone „aufzuwecken“ um so die Weiterleitung von Signalen im Gehirn zu optimieren.

Direkte Faktoren sind beispielsweise gerichtete und allgemeine Aufmerksamkeit, Erwartungen (positive Einstellung), Müdigkeit, akuter und chronischer Stress, Emotionen, Depression und Mikrosaccaden (kleinste Augenbewegungen, wichtig für das scharf sehen).

Indirekte Faktoren sind unter anderem der Luftdruck (Wetter-Empfindlichkeit), der Blut- und Hirndruck beeinflussen kann, die Tageszeit, und der circadiane Rhythmus.

Zusammenfassend kann man sagen, dass viele Faktoren des Nerven- sowie des Durchblutungssystems haben direkten und indirekten Einfluss auf die Sehleistung, Die gute Nachricht ist, dass, obwohl alle diese Faktoren Teil des Problems sind, sind sie im selben Maße Teil der Lösung.

Während die traditionelle Augenheilkunde anstrebt, die Verschlimmerung des Problems (Zelltod) zu verlangsamen oder möglichst vorzubeugen, besteht der neue ganzheitliche klinische Ansatz der Sehtherapie darin, das Restsehen zu verstärken, indem die Funktionen der geschädigten Zellen und das Gehirnnetzwerk optimiert werden, um das maximale Potenzial der verbleibenden „inaktiven“ Strukturen zu erreichen.

*Dies ist eine Zusammenfassung des Artikels von Professor Sabel und seinem Team:
Sabel BA, Cárdenas-Morales L, Gao Y. Vision Restoration in Glaucoma by activating Residual Vision with a Holistic, Clinical Approach: A Review. J Curr Glaucoma Pract 2018;12(1):1-9.